Knieschmerzen beim Treppensteigen, Beschwerden nach längeren Belastungen oder Schmerzen in der Nacht: Eine Kniearthrose, medizinisch Gonarthrose genannt, kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Doch die Diagnose Arthrose bedeutet keineswegs automatisch, dass eine Operation oder sogar eine Knieprothese notwendig ist.
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Wann reicht eine konservative Behandlung? Welche Rolle spielen Bewegung, Physiotherapie und Gewichtsreduktion? Und wann kann der Zeitpunkt gekommen sein, über einen Gelenkersatz nachzudenken?
Darüber spricht Florian Beigelbeck bei MEDIZIN DIREKT – der Medizin-Podcast mit Prof. Dr. med. Johannes Beckmann, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder München.
Eine der zentralen Botschaften des Gesprächs lautet:
Nicht das Röntgenbild allein entscheidet darüber, ob eine Knieprothese notwendig ist. Beschwerden, strukturelle Veränderungen und die individuelle Einschränkung des Patienten müssen zusammen betrachtet werden. Genau dieses Prinzip findet sich auch in den aktuellen Kriterien zur Indikationsstellung einer Knieendoprothese wieder.
Das Wichtigste zur Kniearthrose auf einen Blick
- Kniearthrose bedeutet eine fortschreitende Veränderung des Kniegelenks und des Gelenkknorpels.
- Typisch sind zunächst belastungsabhängige Knieschmerzen.
- Bewegung und gezieltes Training gehören zu den wichtigsten konservativen Maßnahmen.
- Bei Übergewicht kann eine Gewichtsreduktion das Knie entlasten.
- Nicht jeder auffällige Röntgenbefund verursacht Beschwerden.
- Eine Knieprothese sollte in der Regel erst infrage kommen, wenn konservative Therapiemaßnahmen nicht ausreichend helfen.
- Je nach betroffenem Gelenkabschnitt kann eine Teilprothese oder eine vollständige Knieprothese geeignet sein.
- Die Entscheidung muss immer individuell gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden.
Was ist eine Kniearthrose?
Bei einer Kniearthrose verändert sich die schützende Knorpelschicht im Kniegelenk zunehmend. Der Knorpel ermöglicht normalerweise, dass sich die Gelenkflächen möglichst reibungsarm gegeneinander bewegen.
Wird diese Schutzschicht dünner und verändert sich das Gelenk weiter, können zusätzliche Strukturen betroffen sein. Dazu gehören beispielsweise die Gelenkschleimhaut, der Meniskus und der darunterliegende Knochen.
Prof. Dr. Johannes Beckmann erklärt im Gespräch, dass Schmerzen bei einer Arthrose nicht einfach dadurch entstehen, dass „Knorpel weh tut“. Vielmehr spielen unter anderem entzündliche Prozesse der Gelenkschleimhaut und Veränderungen weiterer Gelenkstrukturen eine Rolle.
Eine wichtige Besonderheit: Arthrose und Schmerzen verlaufen nicht bei jedem Menschen parallel.
Es gibt Menschen mit deutlich sichtbaren Veränderungen im Röntgenbild, die vergleichsweise wenig Beschwerden haben. Andere Patienten können sich dagegen im Alltag erheblich eingeschränkt fühlen.
Deshalb wird nicht allein ein Bild behandelt, sondern immer der Mensch mit seinen Beschwerden.
Welche Symptome können bei Kniearthrose auftreten?
Kniearthrose entwickelt sich häufig schleichend.
Zu Beginn treten Schmerzen oftmals vor allem unter Belastung auf. Mit zunehmender Erkrankung können die Beschwerden häufiger werden und auch alltägliche Situationen erschweren.
Mögliche Beschwerden sind:
- Schmerzen beim Gehen
- Knieschmerzen beim Treppensteigen
- Anlaufschmerzen nach Ruhephasen
- eingeschränkte Beweglichkeit
- Belastungsschmerzen
- Schwellungsgefühl im Knie
- Beschwerden nach Sport oder längeren Spaziergängen
- in fortgeschrittenen Stadien auch Ruhe- oder Nachtschmerzen
Gerade wenn Schmerzen zunehmend den Alltag bestimmen, Gehstrecken kürzer werden oder bisher selbstverständliche Aktivitäten nicht mehr möglich sind, sollte das Knie ärztlich untersucht werden. Kniearthrose beginnt typischerweise mit belastungsabhängigen Beschwerden und kann im weiteren Verlauf die Beweglichkeit und Lebensqualität deutlich beeinträchtigen.
Wie entsteht Kniearthrose?
Für eine Kniearthrose gibt es nicht immer nur eine einzige Ursache.
Verschiedene Faktoren können die Entstehung und Entwicklung begünstigen. Dazu zählen unter anderem:
- zunehmendes Lebensalter
- Übergewicht
- Fehlstellungen der Beinachse
- frühere Knieverletzungen
- Meniskus- oder Bandverletzungen
- langjährige starke Belastungen
- bestimmte Vorerkrankungen oder Gelenkveränderungen
Auch Verletzungen aus dem Sport können Jahre später eine Rolle spielen.
Prof. Beckmann beschreibt in der Podcastfolge, dass sich sportliche Belastungen verändert haben und Verletzungen ebenfalls Einfluss auf die spätere Gelenksituation haben können. Gleichzeitig bedeutet Sport keineswegs automatisch Arthrose – Bewegung bleibt vielmehr ein wichtiger Bestandteil von Prävention und Behandlung.
Bedeutet Kniearthrose automatisch eine Operation?
Nein.
Eine der wichtigsten Aussagen von Prof. Beckmann lautet sinngemäß: Bei einer Arthrose ist die Operation der letzte Schritt.
Bevor über einen Gelenkersatz nachgedacht wird, stehen normalerweise konservative Behandlungsmöglichkeiten im Vordergrund. Dazu zählen insbesondere Bewegung, Muskeltraining, Physiotherapie und – sofern erforderlich – eine Gewichtsreduktion.
Auch die aktuelle deutsche Leitlinie sieht vor, dass vor der Indikation zu einer Knieendoprothese eine angemessene konservative Behandlung durchgeführt worden sein sollte.
Was kann man bei Kniearthrose ohne Operation tun?
Bewegung und gezieltes Training
Ein Knie mit Arthrose grundsätzlich zu schonen, ist meist nicht der richtige Weg.
Gezielte Bewegung unterstützt die Muskulatur rund um das Knie. Eine gut trainierte Muskulatur kann das Gelenk stabilisieren und Belastungen besser auffangen.
Geeignete Übungen sollten an Beschwerden, Alter, Beweglichkeit und körperliche Voraussetzungen angepasst werden.
Physiotherapie
Physiotherapie kann dabei helfen,
- Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern,
- Muskulatur aufzubauen,
- Bewegungsabläufe zu optimieren und
- Sicherheit bei körperlicher Aktivität zurückzugewinnen.
Gewichtsreduktion bei Übergewicht
Körpergewicht spielt am Knie eine besondere Rolle, da das Gelenk bei Gehen und Bewegung hohe Kräfte aufnehmen muss.
Bei Übergewicht kann bereits eine Gewichtsreduktion helfen, die Belastung des Kniegelenks zu verringern. Bewegung und Gewichtsmanagement gehören daher zu den zentralen konservativen Maßnahmen.
Schmerz- und entzündungshemmende Medikamente
Bei stärkeren Beschwerden können nach ärztlicher Rücksprache Medikamente eingesetzt werden.
Welche Präparate geeignet sind, hängt jedoch von individuellen Faktoren wie Begleiterkrankungen, anderen Medikamenten und persönlichen Risiken ab.
Spritzen ins Kniegelenk
Auch Gelenkinjektionen werden bei Kniearthrose angeboten.
Kortison kann Entzündungen und Beschwerden zeitweise reduzieren. Prof. Beckmann weist im Gespräch jedoch darauf hin, dass eine solche Behandlung nicht die eigentliche Ursache der Arthrose beseitigt.
Auch Hyaluronsäure oder Eigenblutverfahren werden angeboten. Wichtig ist dabei die realistische Erwartung: Verlorener Gelenkknorpel lässt sich durch solche Injektionen nicht einfach wieder aufbauen.
Kann man Kniearthrose stoppen oder heilen?
Eine bereits deutlich ausgeprägte Arthrose lässt sich derzeit in der Regel nicht einfach rückgängig machen.
Behandlung bedeutet deshalb vor allem:
Beschwerden reduzieren, Beweglichkeit erhalten, Muskulatur stärken, Belastungsfaktoren beeinflussen und das Fortschreiten möglichst günstig beeinflussen.
Prof. Beckmann beschreibt im Podcast, dass der Verlauf unter Umständen deutlich verlangsamt werden kann. Eine fortgeschrittene Arthrose vollständig umzukehren, ist dagegen in der Regel nicht möglich.
Wann ist eine Knieprothese bei Kniearthrose sinnvoll?
Das ist die entscheidende Frage – und gleichzeitig eine Frage, die sich nicht anhand eines einzigen Messwerts beantworten lässt.
Für eine Knieendoprothese sollen nach der deutschen Leitlinie mehrere Hauptkriterien zusammenkommen. Dazu gehören unter anderem:
- relevante Knieschmerzen
- ein nachgewiesener struktureller Gelenkschaden
- unzureichender Erfolg konservativer Therapiemaßnahmen
- eine durch das Knie verursachte Einschränkung der Lebensqualität
- ein entsprechender individueller Leidensdruck.
Genau diesen Zusammenhang beschreibt Prof. Beckmann im Gespräch sehr anschaulich:
Bildgebung und Beschwerden müssen zusammenpassen.
Ein stark verändertes Knie im Röntgenbild ohne relevante Beschwerden ist allein kein Grund für eine Operation.
Umgekehrt müssen starke Knieschmerzen ebenfalls sorgfältig abgeklärt werden, wenn sich die vermutete Ursache nicht eindeutig im Kniegelenk nachweisen lässt.
Die Entscheidung für eine Knieprothese ist daher keine Entscheidung „nach Röntgenbild“, sondern eine gemeinsame medizinische Abwägung.
Welche Rolle spielt die Lebensqualität?
Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Frage:
Was kann der Patient wegen seines Knies nicht mehr tun?
Für einen Menschen kann es eine erhebliche Einschränkung sein, kaum noch einige hundert Meter ohne Schmerzen gehen zu können. Ein anderer Mensch kann trotz sichtbarer Arthrose noch lange Spaziergänge oder Wanderungen unternehmen und empfindet seinen Zustand als akzeptabel.
Prof. Beckmann macht in der Folge deutlich, wie individuell dieser Punkt ist.
Wenn tägliche Schmerzen, regelmäßiger Schmerzmittelbedarf, stark reduzierte Gehstrecken oder der Verlust wichtiger Aktivitäten das Leben zunehmend bestimmen, verändert sich die Abwägung.
Eine Operation soll nicht ein Röntgenbild verbessern – sie soll im geeigneten Fall Schmerzen reduzieren, Funktion verbessern und Lebensqualität zurückgeben.
Schlittenprothese oder vollständige Knieprothese – was ist der Unterschied?
Nicht jede Kniearthrose betrifft das gesamte Kniegelenk.
Ist nur ein bestimmter Bereich des Kniegelenks stark geschädigt und sind die übrigen Strukturen geeignet, kann bei ausgewählten Patienten ein Teilgelenkersatz infrage kommen. Häufig wird dabei von einer Schlittenprothese oder unikondylären Knieprothese gesprochen.
Prof. Beckmann erklärt in der Episode, dass bei einer solchen Versorgung nur der tatsächlich betroffene Gelenkabschnitt ersetzt wird.
Die aktuelle Gonarthrose-Leitlinie sieht die unikondyläre Endoprothese bei isolierter medialer oder lateraler Gonarthrose als wirksame therapeutische Option an. Bei geeigneten Patienten kann der Eingriff weniger invasiv sein und mit einer schnelleren Genesung verbunden sein.
Sind dagegen mehrere Bereiche des Kniegelenks relevant geschädigt oder liegen andere Voraussetzungen vor, kann eine Knie-Totalendoprothese, häufig als Knie-TEP bezeichnet, erforderlich sein.
Welche Variante geeignet ist, lässt sich nur nach individueller Untersuchung und Bildgebung entscheiden.
Was wird bei einer Knieprothese eigentlich ersetzt?
Beim künstlichen Kniegelenk wird nicht einfach das komplette Knie „herausgenommen“.
Die geschädigten Gelenkoberflächen werden präpariert und durch entsprechende Implantatkomponenten ersetzt.
Bei einer klassischen Knieprothese kommen typischerweise Metallkomponenten und ein spezieller Kunststoffanteil zum Einsatz, der zwischen den Gelenkflächen liegt und die gleitende Bewegung ermöglicht.
Bei einer Teilprothese werden dagegen nur die betroffenen Bereiche versorgt.
Welche Implantatform und Operationstechnik verwendet werden, hängt von Anatomie, Art und Ausmaß der Arthrose, Stabilität des Kniegelenks und weiteren individuellen Faktoren ab.
Was passiert nach einer Knieprothese?
Die Operation ist nur ein Teil der Behandlung.
Danach beginnt die Rehabilitation.
Zu den wichtigen Zielen gehören:
- Schmerzen und Schwellung kontrollieren
- Beweglichkeit zurückgewinnen
- Muskulatur wieder aufbauen
- sicheres Gehen erlernen
- Belastbarkeit schrittweise steigern
- Rückkehr in Alltag und Beruf vorbereiten
Prof. Beckmann betont im Gespräch, dass Geduld eine wichtige Rolle spielt. Zu wenig Bewegung ist nicht sinnvoll – eine zu schnelle Überlastung unmittelbar nach der Operation aber ebenfalls nicht.
In der Episode beschreibt er Gehstützen häufig über einen Zeitraum von etwa drei bis vier Wochen, weist aber ausdrücklich darauf hin, dass der tatsächliche Verlauf stark individuell ist. Manche Patienten benötigen sie kürzer, andere deutlich länger.
Wann kann man nach einer Knieprothese wieder Sport machen?
Auch hier gibt es keinen festen Zeitpunkt für alle Patienten.
Heilungsverlauf, Muskelkraft, Beweglichkeit, Sportart und individuelle Ausgangssituation spielen eine Rolle.
Prof. Beckmann macht in der Podcastfolge deutlich, dass die Genesung ein längerer Prozess ist und ein operiertes Knie über Wochen und Monate noch spürbar sein kann. Die Rückkehr zum Sport erfolgt daher schrittweise und sollte mit dem behandelnden ärztlichen und physiotherapeutischen Team abgestimmt werden.
Das Ziel einer Knieprothese ist nicht, das Knie innerhalb weniger Wochen „wie neu“ zu machen.
Rehabilitation braucht Zeit.
Wann kann man nach einer Knieprothese wieder Auto fahren?
Auch diese Frage lässt sich nicht pauschal mit einem bestimmten Tag beantworten.
Entscheidend sind unter anderem:
- welches Knie operiert wurde,
- ob ein Automatik- oder Schaltfahrzeug gefahren wird,
- Beweglichkeit und Kraft,
- Reaktionsfähigkeit,
- Schmerzmittel,
- und die individuelle ärztliche Einschätzung.
Prof. Beckmann erläutert diese Frage ebenfalls ausführlich in der Episode. Vor dem ersten selbstständigen Fahren sollte sichergestellt sein, dass das Fahrzeug jederzeit sicher kontrolliert werden kann.
Was kann man realistisch von einer Knieprothese erwarten?
Eine Knieprothese kann bei der richtigen Indikation eine erhebliche Verbesserung der Lebensqualität ermöglichen.
Trotzdem bleibt sie ein künstliches Gelenk.
Das Ziel besteht vor allem darin,
- Schmerzen deutlich zu reduzieren,
- Beweglichkeit und Funktion zu verbessern,
- Alltag wieder besser zu ermöglichen und
- verlorene Lebensqualität zurückzugewinnen.
Deshalb ist der richtige Zeitpunkt so entscheidend.
Nicht möglichst früh operieren – aber auch nicht automatisch so lange warten, bis die Lebensqualität vollständig verloren gegangen ist.
Die richtige Entscheidung entsteht aus Befund, Beschwerden, konservativen Behandlungsmöglichkeiten, persönlichen Zielen und einer gemeinsamen ärztlichen Abwägung.
Prof. Dr. med. Johannes Beckmann bei MEDIZIN DIREKT
Prof. Dr. med. Johannes Beckmann ist Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Barmherzige Brüder München.
Das Haus verfügt über ein Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung (EPZmax).
Zu seinen fachlichen Schwerpunkten gehören:
- Knieendoprothetik
- Hüftendoprothetik
- Wechseloperationen
- Revisionsendoprothetik
- Sportorthopädie.
Im Gespräch mit Florian Beigelbeck erklärt er Kniearthrose und moderne Behandlungsmöglichkeiten bewusst verständlich und zeigt anhand praktischer Beispiele, warum bei der Entscheidung für oder gegen eine Operation immer der einzelne Patient im Mittelpunkt stehen muss.
🎙️ Die vollständige Folge bei MEDIZIN DIREKT
Kniearthrose verstehen: Wann ist eine Knieprothese wirklich sinnvoll? – mit Prof. Dr. Johannes Beckmann
In der vollständigen Folge sprechen Florian Beigelbeck und Prof. Dr. Johannes Beckmann unter anderem über:
- die Entstehung von Kniearthrose
- Knorpel und Meniskus
- typische Knieschmerzen
- Physiotherapie und Bewegung
- Gewichtsreduktion
- Schmerztherapie
- Cortison und Gelenkinjektionen
- den richtigen Zeitpunkt einer Operation
- Schlittenprothese und Vollprothese
- den Ablauf einer Knieoperation
- Narkose
- Rehabilitation
- Autofahren
- Sport nach einer Knieprothese
- Rückkehr in Alltag und Beruf.
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