Wie lässt sich das Gesundheitssystem reformieren, ohne dass medizinisch notwendige Versorgung schlechter erreichbar wird? Genau diese Frage steht im Mittelpunkt der aktuellen MEDIZIN DIREKT Expertenrunde „Versorgung erhalten“. Fünf Ärztinnen und Ärzte aus unterschiedlichen Fachgebieten sprechen offen über Budgetierung, Ambulantisierung, Wartezeiten, Prävention, Diagnostik, Frauengesundheit, ambulante Operationen und die wirtschaftliche Realität medizinischer Versorgung.

Die Diskussion ist bewusst nicht als einfache Forderung nach „mehr Geld“ angelegt. Sie dreht sich vielmehr um einen grundlegenden Zielkonflikt: Ressourcen sind begrenzt, medizinischer Bedarf aber nicht. Wo lässt sich sinnvoll priorisieren? Wo kann Versorgung effizienter werden? Und an welchem Punkt gefährdet Effizienz die Qualität, Erreichbarkeit oder Sicherheit der Medizin?

Fünf Fachrichtungen, fünf Perspektiven auf dieselbe Frage

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In der Runde diskutieren Dr. med. Stephanie von dem Berge aus der Anästhesiologie und dem ambulanten Operieren, Dr. med. Timo Rother, MBA aus der HNO-Heilkunde und Kopf-Hals-Chirurgie, Dr. med. Chressen Regier aus der Radiologie, Prof. Dr. med. Michael Kraus aus der Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Wibke Cornelius aus der Gynäkologie und Geburtshilfe.

Gerade die Kombination dieser Fachrichtungen macht sichtbar, dass Reformen im Gesundheitswesen nicht isoliert wirken. Eine Veränderung in der Vergütung kann Folgen für Diagnostik, Terminverfügbarkeit, Operationen, Personal, Praxen und damit unmittelbar für Patientinnen und Patienten haben.

Budgetierung beendet den medizinischen Bedarf nicht

Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die Frage, was passiert, wenn eine medizinische Leistung notwendig bleibt, das dafür vorgesehene Budget aber begrenzt ist. Mehrere Gäste beschreiben aus ihrer jeweiligen Versorgungsperspektive, dass sich der Bedarf von Patientinnen und Patienten nicht an Quartalsgrenzen oder wirtschaftlichen Planungen orientiert.

Wibke Cornelius macht dies am Beispiel der gynäkologischen Versorgung deutlich. Schwangerschaft, Vorsorge und akute Beschwerden lassen sich nicht einfach in das nächste Quartal verschieben. Ihre zugespitzte rhetorische Frage in der Runde lautet sinngemäß: Was soll eine Praxis tun, wenn eine Patientin schwanger ist, aber das Budget bereits ausgeschöpft ist?

Die Aussage ist bewusst provokant, trifft aber den Kern der Diskussion: Medizinische Notwendigkeit entsteht unabhängig davon, ob ein Abrechnungssystem gerade noch Kapazität vorsieht.

Wer bekommt noch rechtzeitig einen Termin?

Besonders intensiv wird die Frage des Zugangs zur Versorgung diskutiert. Wibke Cornelius beschreibt, dass Patientinnen und Patienten schon heute notwendige Termine nicht immer zu dem Zeitpunkt erhalten, an dem sie diese benötigen. Dr. Chressen Regier greift diesen Gedanken auf und warnt davor, dass knappe Kapazitäten vor allem Menschen treffen können, die keine Kontakte haben, niemanden kennen, der für sie anruft, und sich im System weniger gut durchsetzen können.

Regier schildert als Beispiel eine ältere Patientin mit einem ertasteten Brusttumor und thematisiert lange Wartezeiten auf eine kurative Mammografie. Ihr entscheidender Punkt ist dabei nicht nur die Wartezeit selbst, sondern die Frage nach Versorgungsgerechtigkeit: Wer findet schneller einen Weg durch das System und wer bleibt in der Warteschlange?

„Das betrifft die am allerhärtesten, die eigentlich den Schutz dieses Gesundheitssystems brauchen.“

Damit wird aus einer ökonomischen Diskussion eine gesellschaftliche Frage: Sollte medizinische Dringlichkeit entscheiden oder die Fähigkeit, sich im System Gehör zu verschaffen?

Radiologie als Nadelöhr der Versorgung

Aus Sicht der Radiologie beschreibt Dr. Chressen Regier die Bildgebung als einen diagnostischen Schlüsselpunkt. Bevor eine Therapie beginnen oder ein Facharzt gezielt weiterbehandeln kann, braucht es häufig zunächst eine belastbare Diagnostik.

Wenn Kapazitäten in diesem Bereich knapper werden, entsteht deshalb nicht nur eine Warteschlange in der Radiologie. Es kann eine „Warteschlange vor der Warteschlange“ entstehen, weil sich weitere diagnostische und therapeutische Schritte verzögern.

Die Runde diskutiert dabei ausdrücklich auch die Frage, wo Diagnostik sinnvoll gesteuert und wo möglicherweise zu viel untersucht wird. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer argumentieren also nicht gegen Effizienz. Sie fordern vielmehr, Einsparungen dort vorzunehmen, wo sie medizinisch begründbar sind, statt pauschal Kapazitäten zu begrenzen.

Schwangerschaft und Geburtshilfe: Wenn Bedarf nicht planbar ist

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frauengesundheit. In der Diskussion wird die Vergütung von Geburtshilfe der Vergütung anderer Eingriffe gegenübergestellt. Eine Teilnehmerin nennt beispielhaft rund 2.000 Euro für eine Geburt und etwa 7.000 Euro für eine Knieprothese. Diese Zahlen werden in der Episode als Vergleich aus der Praxis genannt und dienen dazu, den strukturellen Aufwand von Geburtshilfe sichtbar zu machen.

Denn bei einer Geburt stehen nicht nur ein Behandlungsraum und eine einzelne Fachkraft bereit. Es müssen unter anderem geburtshilfliche, operative und pädiatrische Ressourcen verfügbar sein. Die Runde diskutiert, dass defizitäre Strukturen zu längeren Wegen für Schwangere führen können und damit auch neue Risiken entstehen.

Der zugespitzte Satz „Aber die Schwangeren werden halt schwanger“ bringt die Problematik auf eine einfache Formel: Versorgung muss dort verfügbar sein, wo medizinischer Bedarf tatsächlich entsteht.

Ambulantisierung ist nicht dasselbe wie billigere Medizin

Deutschland will mehr Leistungen ambulant erbringen. In der Runde herrscht grundsätzlich Zustimmung dazu, dass viele Eingriffe ambulant sinnvoll und patientenfreundlich durchgeführt werden können. Gleichzeitig warnen die Operateurinnen und Operateure davor, Ambulantisierung mit einer beliebigen Absenkung der Vergütung gleichzusetzen.

Dr. med. Stephanie von dem Berge beschreibt den strukturellen Aufwand eines ambulanten OP-Zentrums: qualifiziertes Personal, Hygiene, Technik, Räume, Verbrauchsmaterialien und Investitionen müssen dauerhaft finanziert werden. Ihre Botschaft ist klar: Ein effizient organisierter ambulanter OP kann Kosten vermeiden, aber er ist nicht kostenlos.

Prof. Dr. med. Michael Kraus beschreibt die wirtschaftliche Konsequenz sehr direkt: Wenn eine Praxis dauerhaft nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann, kann sie nicht einfach unbegrenzt weiterarbeiten. Dann werden Standorte reduziert, Personal abgebaut oder Strukturen verschwinden.

Kinderoperationen als Beispiel für Versorgung unter Kostendruck

Dr. med. Timo Rother schildert besonders eindrücklich die Situation ambulanter HNO-Operationen bei Kindern. In seiner Praxis werden unter anderem Eingriffe durchgeführt, die für Atmung, Hörvermögen und Entwicklung relevant sein können. Er beschreibt, dass sein Kinder-OP-Bereich teilweise durch andere Leistungen querfinanziert werde.

Die in der Folge genannten Beträge und Kosten beziehen sich ausdrücklich auf seine eigene Praxissituation. Der größere Punkt dahinter ist jedoch allgemeiner: Wenn die Vergütung einer Leistung dauerhaft unter den tatsächlichen Kosten der dafür notwendigen Struktur liegt, stellt sich irgendwann die Frage, wer diese Leistung künftig noch anbieten kann.

Reform bedeutet nicht, alles beim Alten zu lassen

Bemerkenswert ist, dass die Runde keineswegs fordert, jede heute bestehende Leistung unverändert zu erhalten. Im Gegenteil. Timo Rother spricht sich ausdrücklich dafür aus, Leistungen stärker nach ihrem tatsächlichen Gesundheitsnutzen zu bewerten und auch offen darüber zu sprechen, welche Leistungen medizinisch verzichtbar sein könnten.

Sein Argument: Politische Ehrlichkeit bedeutet nicht nur zu erklären, was erhalten werden soll. Sie bedeutet auch, transparent zu machen, wo Priorisierung notwendig ist.

Genau hier liegt ein möglicher gemeinsamer Nenner der Runde: Nicht pauschal kürzen, sondern gezielt priorisieren. Nicht nur Kosten betrachten, sondern auch Folgekosten, Versorgungsqualität und medizinische Ergebnisse.

Was bedeutet eigentlich gute medizinische Versorgung?

Zum Ende der Folge beantworten alle Gäste dieselbe Frage: Was bedeutet gute medizinische Versorgung persönlich für sie?

Die Antworten unterscheiden sich, ergänzen sich aber auffällig. Es geht um ausreichend Zeit für Patientinnen und Patienten, diagnostische und therapeutische Sicherheit, wirtschaftlich tragfähige Strukturen, niedrigschwelligen Zugang, Vertrauen und eine Medizin, in der Menschen nicht nur zu Nummern in einem hochoptimierten System werden.

Dr. Chressen Regier betont die Bedeutung von Menschlichkeit und persönlichem Kontakt. Prof. Michael Kraus wünscht sich mehr Zeit für Medizin, Forschung und Wissenschaft statt immer mehr wirtschaftlicher Administration. Wibke Cornelius spricht über einen niedrigschwelligen Zugang zum Gesundheitssystem und den Raum für mehr als eine rein schematische Behandlung. Timo Rother beschreibt das Ziel, am Ende eines Tages das Gefühl zu haben, jedem Patienten die notwendige Zeit und medizinische Sicherheit gegeben zu haben.

Die zentrale Erkenntnis der Expertenrunde

Dass sich das Gesundheitssystem verändern muss, wird in der Runde nicht grundsätzlich bestritten. Die entscheidende Frage ist, wie diese Veränderung gestaltet wird.

Die Schlussfolgerung von MEDIZIN DIREKT lautet deshalb:

Effizienz ist nicht dasselbe wie weniger Versorgung.

Ambulantisierung ist nicht dasselbe wie billigere Medizin.

Und eine Budgetbegrenzung beendet nicht den medizinischen Bedarf.

Gleichzeitig sind Geld, Personal und Zeit nicht unbegrenzt. Genau deshalb braucht es eine Debatte, in der nicht nur gefordert wird, sondern auch priorisiert, gemessen und Verantwortung übernommen wird.

Die vollständige Expertenrunde ansehen und anhören

Die komplette Folge „Versorgung erhalten: Was Reformen für Patient:innen, Praxen und die ambulante Medizin bedeuten“ ist als Audio und Video über MEDIZIN DIREKT verfügbar.

Zur vollständigen Folge und allen Informationen

Weitere Informationen zur Initiative: versorgungerhalten.de

Hinweis: Einzelne Zahlen, Bewertungen und Prognosen in diesem Beitrag geben Aussagen und Einschätzungen der Gäste aus der Podcastdiskussion wieder. Sie sind als Teil der fachlichen Debatte wiedergegeben und nicht als unabhängiger Faktencheck von MEDIZIN DIREKT zu verstehen.